Eine wahre Geschichte in der Form eines Märchens.

07.03.2025

Vor Millionen von Jahren, in einem Zeitalter, welches über aller menschlichen Berechnung liegt, wohnte die Königin der Weisheit in einem Reiche des Lichtes, von dessen Herrlichkeit wir uns keinen Begriff machen können. 

Sie war eine edle Frau von vollkommener Schönheit; ihr Antlitz leuchtete wie die Sonne, und die lebendigen Lichtstrahlen, welche von ihr ausgingen, erfüllten das ganze Universum mit Pracht und riefen darin Leben, Bewusstsein und Empfindung hervor. 

Die Geister, von welchen sie umgeben war, und welche ihr dienten, waren zahllos wie der Sand am Meer; große und kleine; viele davon leuchteten wie der Mond und andere funkelten wie die Sterne; die herrlichsten darunter aber waren die Liebe, der Glaube, die Hoffnung und die Geduld, und über allen diesen herrschte der Geist der Wahrheit, welcher so mächtig war, dass er tun konnte, was er wollte; das ganze Weltall verdankte ihm sein Dasein und sogar die Königin ihren Schmuck.

Überall, wo die Königin sich blicken ließ, wurde es helle, und wo sie erschien, da ging die Dunkelheit fort; ihr Licht leuchtete bis zu den äußersten Grenzen ihres Reiches, welche in der Unendlichkeit lagen, und soweit als ihr Licht reichte, reichte auch ihre Kraft, welche, aus einer feurigen ätherischen Substanz bestehend, den ganzen unendlichen Raum erfüllte.

Eines Tages beauftragte die Königin ihren Kammerdiener, den Willen, ihr ein Schauspiel zu veranstalten, und auf seinen Befehl verdichtete sich die feurige ätherische Substanz im Reiche des Lichtes. Geister verschiedener Art setzten sie in Bewegung und bildeten darin Anziehungs- und Abstoßungs-punkte, und um diese sammelten sich verschiedenartige Kräfte zu einem Ding, das man "Stoff" oder "Materie" nennt, und gestalteten sich zu leuchtenden Kugeln, welche mit großer Schnelligkeit sich im Tanze drehten und durch den unendlichen Himmelsraum kreisten, geführt durch den Willen der göttlichen Weisheit, welcher die Liebe ist. Und viele von diesen leuchtenden Kugeln bekamen einen dunklen Kern, auf welchem sich Steine, Pflanzen, Tiere und menschliche Wesen entwickelten und die Königin freute sich sehr.

Im Anfange hatten alle die durch den Willen der Weisheit hervorgebrachten Erscheinungen und Geschöpfe eine lichte und ätherische Form, wie man sie jetzt nur mehr bei Elfen, Feen und ähnlichen Wesen findet; sie waren von dem Lichte der Weisheit durchdrungen und deshalb selbst leuchtend und erkannten alles, was sie sahen, als Eigentum der Königin an. Nach und nach verdichteten sich ihre Körper und wurden ebenso dunkel als die Erde, auf welcher sie wohnten, und da konnten sie auch nichts mehr sehen, und tappten solange im Dunkel herum, bis sie endlich in den Höhlen der Erde eine phosphoreszierende Substanz fanden, welche ein schwaches Licht von sich gab, ähnlich demjenigen eines Diamanten, welcher eine Zeitlang von der Sonne beschienen war.

Dieses Licht nannten sie "die Vernunft" und waren sehr stolz auf dessen Besitz, weil es ihnen die Möglichkeit gab, ihre Umgebung zu sehen. Da aber dieses Licht nur die Oberfläche der Dinge beleuchtete, und nicht so, wie das Licht der Weisheit, in das Innere drang, so verschaffte es ihnen nur eine oberflächliche Kenntnis der Dinge und gab Anlass zu vielen Irrtümem und Täuschungen, weil die Menschen das Wesen der Dinge, welches sie nicht mehr sehen konnten, nun nur mehr nach dem oberflächlichen und trügerischen Scheine beurteilten.

Als dies die Königin sah, betrübte sie sich; denn sie wollte allen Dingen ihren eigenen königlichen Glanz verleihen und in ihnen geradeso leuchten, wie in ihrem eigenen Selbst, und da sie sich den Leuten nicht mehr direkt verständlich machen konnte, so sandte sie durch ihren Willen den Geist der Wahrheit zu den Menschen hinunter, damit er sich ihnen offenbare und sie zur Erkenntnis zurückbringe.

Aber der Geist der Wahrheit war ein Geist, und deshalb ohne Form, allgegenwärtig und unsichtbar, und die Menschen konnten ihn deshalb nicht sehen und wollten nicht an seine Gegenwart glauben. Da entschloss der Geist der Wahrheit sich, in die Herzen der Menschen selbst einzugehen, ihnen seine Gegenwart fühlbar zu machen, und er hoffte in ihnen eine sichtbare Gestalt anzunehmen, damit sie ihn begreifen und seine Stimme hören könnten.

Er drang in das Herz des Menschen ein, und fand, dass es ein Haus mit verschiedenen Abteilungen war. Im unteren Stockwerke war es ein Stall mit Tieren verschiedener Art. 

Da war ein Ochse, genannt der "Eigenwillige", unter dem Joche einer Hexe, genannt "Leidenschaft"; da war ein Esel, genannt der "Verstand", der Sohn des Eigendünkels"; 

da war ein Schwein, genannt "Unmäßigkeit", ein Erzeugnis der "Begierde", 

und ein Bock, namens "Lust", ein Erzeugnis der Sinnlichkeit. 

Vor der Türe lauerte der Tiger, der Wolf und die Hyäne und suchten sich einzuschleichen, während durch die Ritzen der Mauern Schlangen und giftiges Gewürm sich hinein schlängelten; die Fenster waren mit Spinnengeweben bedeckt, welche den Eintritt des Lichtes verhinderten, und der Stall war voll Unreinigkeit.

Im Keller unten aber wohnten die Teufel des Hasses, der Bosheit, die Mordlust, Herrschsucht und Tyrannei. Viele von diesen Teufeln schliefen, und wurden durch den Eintritt des Geistes der Wahrheit aufgeschreckt. Im oberen Stockwerke aber herrschte ein großer Lärm; denn dasselbe war von Händlern und Schacherlustigen bewohnt. Da waren Weisheitskrämer verschiedener Art, Vorleser und Prediger, Gelehrte, Pharisäer und Heuchler, Händler in Scheinwissenschaft, Theologen, Moralisten usw., und alle waren vom Geiste der Selbstsucht beherrscht, welcher sie mit seiner Knute in beständigem Aufruhr erhielt.

Der Besitzer des Hauses gewahrte die Gegenwart des fremden Gastes, und fragte ihn, wer er sei; aber infolge des Lärmens im oberen Stockwerke war es dem Geiste der Wahrheit nicht möglich, sich dem Besitzer verständlich zu machen, und der Letztere ernannte deshalb eine Kommission, um zu untersuchen, wer der Fremde sei und was er wolle. 

Er wählte hierzu zwei seiner Diener, genannt "Zweifel" und "Aberglaube", Söhne der Unwissenheit und eine feile Dirne namens "Logik", eine Tochter der Lüge. Diese begaben sich in das Haus und verlangten von dem Geiste, dass er ihnen beweisen solle, wer er sei, aber da sie die Wahrheit nicht kannten, so konnten sie auch deren Geist trotz aller Zeugnisse nicht erkennen, und erklärten ihn deshalb für einen Betrüger. Die Tiere aber wurden sehr aufgeregt und verlangten stürmisch, dass der fremde Besucher entfernt werden solle; denn seine Gegenwart störte die Behaglichkeit, umso mehr, als der Geist angefangen hatte, eine fühlbare Gestalt anzunehmen, und deshalb leibliche Nahrung bedurfte, um Kraft zu erhalten, zu welchem Zwecke er den Tieren Blut entzog und sich damit nährte.

Dies schien dem Besitzer des Hauses unerträglich und er nahm sich deshalb vor, den Eindringling zu töten. Der Zweifel und Aberglaube waren die größten Feinde der Wahrheit geworden, und erklärten sich gerne dazu bereit.

Da sie den Geist der Wahrheit nicht kannten, und sich ihm deshalb nicht nähern konnten, so ließen sie sich von der Logik führen, welcher es oft gelingt, der Wahrheit nahe zu kommen und welche deshalb für sie um so gefährlicher ist.

So gelang es den Dreien, sich dem Geiste der Wahrheit zu nähern, und die Form, welche er sich aufgebaut hatte, zu zerstören; 

dem Geiste selbst aber konnten sie nichts anhaben, weil er unsterblich war. 

Als dies geschehen war, kehrte der Geist der Wahrheit wieder zu seiner Herrscherin, der Königin der Weisheit, zurück, welche ihn abermals aussandte, um den Versuch, sich den Menschen zu offenbaren, zu wiederholen, und so wiederholt sich immerfort dieses Spiel, denn der Geist der Wahrheit, gehorsam dem Gesetze der Weisheit, senkt sich beständig in die Herzen der Menschen, um in ihnen der Weisheit Licht zu entzünden, aber die Menschen erkennen ihn nicht.

ein Märchen von

Dr. Franz Hartmann  (1832-1912)


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